Schachabteilung SV Blau-Weiß Concordia Viersen

Turniere

22. Gocher Open (29. 9. - 2. 10. 2011)

Goch ist eine hübsche niederrheinische Kleinstadt an der Niers, etwa 60 - 70 Kilometer flußabwärts von Viersen. Dieses Jahr wurde dort ein alter an der Niers gelegener Park modernisiert und umgestaltet zur „Gocher Welle”. Am einen Ende des Parks wurde in einer künstlich geschaffenen Niers-Bucht der vermutlich kleinste Hafen der deutschen Binnenschiffahrt angelegt, der ein bis zwei Kanus Platz bietet. Bei meinem ersten Besuch kam ich just im passenden Moment, um zuzuschauen, wie ein Paddler in seinem Kanu am Bootsanleger anlandete.
Am anderen Ende des Parks – um eine Brücke zum Thema zu schlagen – führt eine Fußgängerbrücke über die Niers zum Vorplatz des Kulturzentrums „Kastell”, in dem alljährlich Ende September - Anfang Oktober das traditionelle Gocher Open gespielt wird, ein Höhepunkt des niederrheinischen Schachlebens.

Aus unserem Verein waren in diesem Jahr Michael und Wolfgang mit von der Partie.

Michael

Michael

Wie schon seit Jahren trafen sich auch diesmal kurz nach Herbstbeginn die Schachfreunde aus der Region in Goch zum traditionellen Open. Schon weit vorher war die maximale Teilnehmerzahl erreicht (einschließlich 3 GM, ein IM und 2 FM) und auch das geradezu sommerliche Wetter hatten die Organisatoren erfolgreich bestellt.

Die beschränkte Teilnehmerzahl hat allerdings etwas Kurioses. Laut Ausschreibung durften es maximal 150 Teilnehmer sein, auf der Startliste standen 156, von denen 6 aber nicht antraten. Zur 1. Runde waren Bretter für 156 Spieler aufgebaut, dahinter waren noch 5 - 7 Tische frei Warum? Keine Ahnung. Jedenfalls hat die frühzeitig volle Startliste mich erfolgreich davon abgehalten, dieses Jahr mitzuspielen. War vielleicht auch besser so. (– Christoph)

Eigentlich sollte die erste Runde am Donnerstagabend für mich ja kein nennenswertes Problem darstellen. Nach etwa 15 Zügen mit Schwarz gegen Sebastian Kohl (DWZ 1670) musste ich allerdings feststellen, dass ich die Eröffnung etwas zu ambitionslos angelegt hatte. Während mein Gegner heftigen Druck am Damenflügel entwickelte, suchte ich verzweifelt nach Gegenchancen am Königsflügel. Diese wären wohl für immer theoretisch geblieben, hätte er nicht seinen Alles dominierenden Springer auf e4 zwecks Bauerngewinn abgezogen, sondern einfach den Druck weiter gesteigert. So war bereits nach sechs weiteren Zügen und einem überfallartigen Angriff mit undeckbarem Matt die Partie zu meinen Gunsten entschieden.

Als Dank durfte ich dann am nächsten Morgen auf die Bühne und gegen FM Helge Hintze (2271) antreten. In einem geschlossenen Sizilianer überließ ich ihm viel Raum und Druckspiel gegen den schwachen Bauern d3. Diesen gab ich dann in dem Bemühen, Gegenspiel gegen seinen König zu schaffen, zu leichtfertig auf, und steckte gleich noch einen Springer ins Geschäft. Das gab zwar einige Gegenchancen, letztlich setzte sich aber der Materialvorteil doch durch und ich musste – unter den Augen von Christoph, der sich als Schlachtenbummler eingefunden hatte   kapitulieren.
Die verlorene Partie hatte ich mit Karl-Heinz Podzielny, dem Vorjahressieger, gemeinsam, der schräg gegenüber eine ziemlich unerwartete Niederlage kassierte; dies schien ihn aber eher anzuspornen, denn die weiteren 5 Runden gewann er und schob sich doch noch auf Platz 2.

Die nächste Partie gegen Holger May (1760) verlief anfangs wie die Vortagspartie, dann hätte es aber schlimmer kommen können. Anstatt die Damen einfach nur abzutauschen, hätte mein Gegner durch Beseitigung deren Deckung und folgenden Zwischentausch mit Schach einfach eine Figur gewinnen können. Zum Glück ging er an dieser Möglichkeit vorbei und ließ mich sogar noch einen Bauern gewinnen. Was schließlich übrig blieb, war jedoch ein übersichtliches Turm-/Läufer-Endspiel, allerdings mit ungleichen Läufern, so dass das Remis nach wenigen weiteren Zügen die logische Folge war.

Neuer Morgen, neues Glück (auch wenn es erst nicht danach aussah). Meinen Gegner, Krzysztof Szczepanski (1644), hatte ich aus einer früheren Partie in Goch noch in unerfreulicher Erinnerung, hatte er mich doch an den Rand einer Niederlage gebracht. Wieder tat ich mich gegen seine unkonventionelle Eröffnungsanlage schwer, landete aber schließlich in einer relativ offenen Stellung mit Läuferpaar gegen Springerpaar und hätte jetzt nur noch für die unproblematische weitere Linienöffnung sorgen müssen. Leider wartete ich einen Zug zu lange und schon hatten seine Springer die Stellung plombiert. In dem Versuch, die Stellung doch noch zu öffnen, patzte ich einen Bauern weg. Netterweise revanchierte er sich zwei Züge später und so hatte ich am Ende sogar einen Bauern mehr. Da mein König in dem nun anstehenden Schwerfigurenendspiel recht luftig stand, dachte ich, etwas angefressen über die vorangegangene Patzerei, ernsthaft über sein Remisangebot nach. Gut, dass ich schließlich ablehnte, denn nach 30 weiteren Zügen überquerte mein Bauer als erster die Ziellinie.

In der Nachmittagspartie gegen Raj Bakshi (1664) hatte ich mit Schwarz nach 20 Zügen bereits einen Bauern mehr. Auch wenn es zwischendurch noch einmal spannend wurde, setzte dieser sich schließlich durch, so dass der Tag mit 2 aus 2 ein voller Erfolg war.

Am nächsten Morgen kam es dann zum vorweggenommenen Bezirksligaduell Süchteln – Viersen (es stand die Frage im Raum, warum man deswegen eigentlich extra nach Goch fahren musste), ich spielte mit Weiß gegen Marijan Stefkovic (2058). Nachdem es am Königsflügel einige Zeit lang brenzlig aussah, ergab sich schließlich eine Stellung mit ziemlich verrammelter Bauernstruktur. Dabei konzentrierte ich mich leider zu sehr auf ein mögliches Gegenspiel am Damenflügel, wo Schwarz an einem Durchbruch arbeitete,so dass ich die viel üblere (aber eigentlich leicht abzuwehrende) Drohung des Springeropfers gegen zunächst zwei Bauern auf e4 erst wahrnahm, als es schon zu spät war ... So wurde Christoph, der auch diesmal wieder die Partien beobachtete, Zeuge meiner zweiten Niederlage.

Davon ließ ich mich aber nicht weiter beeindrucken. Nach einem guten Mittagessen und etwas Erholung im Sonnenschein am Ufer der Niers ging es in die letzte Runde. Hier zahlten sich die vielen c3-Sizilianerpartien gegen Armin irgendwie aus, denn ich erreichte als Schwarzer gegen Andreas Prang (1880) eine ganz manierliche Stellung gegen schwächelnde Bauern. Freundlicherweise spielte mein Gegner dann so weiter, wie ich es mir insgeheim wünschte, und schon war ein wichtiger Bauer weg und seine Stellung endgültig eine Ruine; trotzdem hätte ich mich sicher noch mühen müssen, wenn er nicht, wie er selbst zugab, aus lauter Frust kurz danach noch einen weiteren Bauern eingestellt und dann endgültig keine Lust mehr gehabt hätte.

Fazit: Wieder ein schönes Turnier, wenn ich mich auch allzuoft etwas schwer getan habe. Das Startgeld habe ich voll ausgenutzt (alle Partien ausgekämpft, die kürzeste 35, die längste 57 Züge) und fast hätte es sogar zu einem Ratingpreis gereicht.
Unabhängig davon kann ich dieses Turnier nur jedem empfehlen. Die Spielbedingungen sind ideal und auch das ganze Drumherum stimmt, ein Kompliment an den Veranstalter!

Ach ja, gewonnen hat GM Normunds Miezis, der bis auf ein Remis alle Partien für sich entschieden hat.

Wolfgang

Wolfgang

Wolfgangs Turnier war ein Drama, das er nicht selbst beschreiben wollte. Wenigstens soll der Versuch eines informierten Berichts nicht fehlen.

In der ersten Runde lief es für Wolfgang ähnlich wie für Michael: Gegen einen klassenschwächeren Gegner sollte eigentlich alles klar sein, dann war es vielleicht doch nicht so klar, dann war der Gegner der Situation nicht gewachsen und es war doch alles klar. Oder mit anderen Worten: nichts nennenswertes passiert.

In der zweiten Runde ereignete sich des Dramas erster Teil. Der Gegner war Wilfried Harff, ein alter Bekannter – genau genommen einer von vielen alten Bekannten im Teilnehmerfeld – was, zusammen mit den erwartbaren Kommentaren von Wilfrieds Hochneukircher Vereinskollegen, der Partie zusätzliches Feuer verlieh. Wolfgang kam gut aus der Eröffnung und hatte im Mittelspiel die Chance auf deutlichen Vorteil, was aber erst in der anschließenden Analyse klar wurde. Die gewählte Fortsetzung brachte ihm „nur” eine gute Stellung, aber nichts greifbares, und später bekam Harff Gegenspiel. Als Christoph („Meine Aufgabe im Verein ist das Spiellokal aufschließen, Kaffee kochen und schuld sein”) zum Zuschauen ans Brett kam, sah er eine komplizierte Abwicklung ins Endspiel bei knapper Bedenkzeit. Nach der Zeitkontrolle behielt Wolfgang einen Bauern weniger in einem eigentlich totremisen Endspiel, das er aber falsch behandelte und letztlich verlor.

Zur dritten Runde gegen Krzysztof Szczepanski (den Gegner „erbte” Michael am nächsten Morgen) marschierte Wolfgang mit den Worten: „Das wird blutig.” Zehn Minuten später war die Partie vorbei, ein frühes und erfolgreiches Remisangebot verhinderte weiteren Tatendrang.

Wolfgangs Gegner in der vierten Runde war Vladimir Vovchik von Turm Rheydt, jenem Verein, von dem ein ehemaliger Jugendtrainer sagte: „Die Hälfte der Leute kann kein Deutsch und die andere Hälfte kein Schach.” Wolfgang spielte Vovchik völlig an die Wand, und die Partie wäre eines Schönheitspreises würdig gewesen, wären da nicht solche Kleinigkeiten wie die, daß Vovchik keine Spur von Gegenwehr aufs Brett brachte oder daß Wolfgang am Ende ein zweizügiges Matt wählte, als auch ein einzügiges möglich war, und wäre nicht der vor Turnierbeginn ausgeschriebene Schönheitspreis am letzten Tag anscheinend spurlos in der Versenkung verschwunden.

Die fünfte Runde begann Wolfgang mit dem Genuß einer gelungenen Partie im Rücken und beendete sie wenig später mit einem schnellen Remis. Man muß den Genuß nicht stören.

In der sechsten Runde spielte Wolfgang gegen einen der zahlreichen niederländischen Spieler im Turnier, Albert de Wit. Als Christoph (siehe oben) zum Zuschauen kam, sah er ein von beiden Seiten scharf geführtes Mittelspiel. De Wit verkalkulierte sich, Wolfgang hatte die bessere Übersicht, gewann Dame gegen Turm und Läufer und kam damit in ein gewonnenes Endspiel, als des Dramas zweiter Teil begann. Unmittelbar nach der Zeitkontrolle übersah Wolfgang die Möglichkeit, Dame gegen Turm und Läufer zurückzugeben und damit in ein einfach gewonnenes Bauernendspiel abzuwickeln. Dann stellte er sich unnötig passiv auf, dann stellte er die Dame gegen Turm ein und verlor den Rest des Endspiels.

Fazit: Zwei Großchancen gegen Spieler über 2000 DWZ/ELO vergeben, „nur” ein ausgeglichenes Ergebnis und ein paar DWZ-Punkte gewonnen. Es hätte besser kommen können.

Das war es dann. Auf noch ein Kurzremis in der siebten Runde hatte Wolfgang keine Lust mehr, meldete sich beim Turnierleiter ab, erkundigte sich noch nach dem nächsten Turnier und verließ den Ort des Geschehens, niersauf- und heimwärts.

Michael Glinzk / Christoph Hollender

 

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Stand: 25. Oktober 2011